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„Menschen kann man nicht abstellen“

ALTENPFLEGE: Zeitvorgabe ein Problem – Arbeit anspruchsvoller – Nötige Rationalisierung kann hemmen

Es ist eine Gratwanderung. Einerseits ist die Pflege anspruchsvoller denn zuvor. Andererseits ist sie sinnvoll rationell zu gestalten.

Von Julia Koch und Peter Stange

VAREL - „Im Kopf ist man immer schon beim nächsten“, sagt Sylke Kakuschke, während sie sich auf dem „Anwesenheitskontrollplan“ einträgt. Gerade hat sie mit Hilfe einer Kollegin eine bettlägerige 69-Jährige wieder zurechtgelegt, ihr zu Trinken gegeben, kurz mit ihr geredet. Dann muss sie weiter: Medikamente vorbereiten, mit Ärzten telefonieren, alles im Computer dokumentieren.

Seit neun Jahren arbeitet die gelernte Altenpflegerin im Pflegeheim der Geschwister-Anna-und-Diedrich-Bremer-Stiftung in Langendamm, verwaltetet durch die Stadt Varel. Die NWZ begleitete sie an einem Arbeitstag. Dabei zeigte sich, was prinzipiell für alle Senioren- und Pflegeheime gilt: die Situation ist kompliziert geworden. Hohe Pflege-Qualität und Einsatz-Optimierung – beides an sich sinnvolle Ziele – können in Widerspruch geraten.

„Früher ging‘s uns besser“, seufzt die Pflegerin. Früher, das ist bevor die Pflegeversicherung vorgab, wieviel Zeit für jede Tätigkeit aufzuwenden ist. Bevor die Dokumentation erweitert wurde: „Jeder Schritt muss aufgezeichnet werden“, so Kakuschke. Das zehre am Zeitbudget.

Schon nach dem ersten Patienten stellt sich – allerdings zumeist wieder kompensierbarer – Verzug ein: 15 bis 30 Minuten hält sie sich im Zimmer auf, statt fünf bis zehn Minuten. Verabreicht Sondennahrung, dreht den Patienten in eine andere Lage, notiert beides, erledigt Kleinigkeiten.

Jeweils zwei Pflegerinnen betreuen in der Regel 15 Bewohner. 60 leben insgesamt in der Einrichtung. Wer noch die Möglichkeit dazu hat, kann an diversen Freizeitangeboten teilnehmen: Feste, Bastelnachmittage, Malen mit zwei Künstlerinnen oder Ausflüge, etwa ins Theater. „Unsere Bewohner sind rundum betreut. So gewinnen sie an Freiheit“, sagt Leiter Friedhelm Michaelis. Aber auch Michaelis erinnert sich, dass früher weniger Zeitdruck herrschte. Diese Ära sei jedoch vorüber.

Bewohner, die allein stehend oder kaum noch mobil sind, benötigen besondere Fürsorge. Spaziergänge, Besorgungen oder einfach Gesellschaft: Das muss oft bis nach Feierabend warten, wird von den Pflegerinnen zusätzlich in dienstfreier Zeit angeboten. „Wir machen das oft“, so Kakuschke. Auch wenn ein Fest naht, wird für die Vorbereitung Freizeit geopfert. Oft belaste das private Beziehungen, so die 35-Jährige. „Aber das sind ja schließlich Menschen und keine Maschinen, die man nach Feierabend abstellen kann.“

Quelle: NWZ-online.de, 7.1.2004, http://www.nwz-online.de/2_449.php?showres=NWZ%2FVAREL&showid=271293&navpoint=3.8 

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