Reformieren statt lamentieren Wer chronisch kranke alte Menschen im Heim pflegt oder sich um sexuell missbrauchte Mädchen in einer beschützten Wohngemeinschaft kümmert, hat noch nie besonders viel Geld verdient. Die 700 Mitarbeiter des diakonischen Birkenhofs leisten ihre anstrengende Arbeit in Alten- und Jugendheimen zwar nicht für Gotteslohn doch Spitzenverdiener gibt es unter ihnen nicht. Immerhin konnten sie sich bislang darauf verlassen, einen vergleichsweise krisenfesten Arbeitsplatz zu haben. Der Glaube an diese Sicherheit ist nun erschüttert. Die Nachricht von der drohenden Insolvenz ihrer 125 Jahre alten Einrichtung war für die Beschäftigten ein Schock. Nur der freiwillige Verzicht auf das Weihnachtsgeld kann den Birkenhof retten, lautete in dieser Woche die schlechte Botschaft von Pastor Hanns-Christoph Henckel. Wer Lohnansprüche nicht abtrete, riskiere die Insolvenz des Betriebs, drohte der Birkenhof-Chef. Die Worte des Pastors haben Eindruck gemacht wenn auch seine Wünsche nach dauerhaftem Lohnverzicht unerfüllt blieben. Die Mitarbeiter wollen die evangelische Einrichtung jetzt mit befristetem Verzicht auf den dreizehnten Monatslohn vor der Pleite bewahren. Langfristig gesichert ist der Birkenhof damit aber nicht. Statt aber weiter über angeblich unzureichende Pflegesätze der gesetzlichen Kassen zu lamentieren, muss der Birkenhof hausgemachte Missstände abstellen. Die eigenen Mitarbeiter klagen über wenig effizienten Personaleinsatz oder werfen ihrer Führung vor, bei Investitionen nicht vorsichtig genug zu kalkulieren. Offenbar fehlt der diakonischen Einrichtung ökonomischer Sachverstand, der im zunehmenden Wettbewerb dringend nötig ist. Hilfreich wäre es zum Beispiel, wenn die großen kirchlichen Heimträger bei der Verwaltung eng kooperieren würden. Eine Holding aus Birkenhof, Henriettenstiftung und Stephansstift könnte eine Lösung sein. Personalpolitik oder Controlling in einer Hand kann erhebliche Kosten sparen. Die von evangelischen Christen geführten Krankenhäuser der Stadt planen eine solche Holding bereits. Hier ist das Bewusstsein längst gereift, dass ein Einzelbetrieb schlechtere Zukunftschancen hat als ein Verbund selbstständiger Filialen. Folge des Holdingmodells ist jedoch, dass bestimmte Aufgaben und Leistungen innerhalb des Verbunds neu verteilt werden. Jede einzelne Klinik soll künftig nicht mehr alle bisherigen Fachabteilungen anbieten, sondern sich auf Schwerpunkte konzentrieren. Sozialunternehmen, die sich dem Wettbewerb verweigern, droht das Aus. Diese bittere Erfahrung haben nicht zuletzt auch einige Rettungsdienstwachen des Roten Kreuzes im Umland gemacht, deren Verträge die Regionsbehörde kürzlich kündigte. Das Argument der Rot-Kreuzler, man dürfe gewachsene Strukturen nicht zerstören, hat zu Recht nicht gezogen. Andere Wohlfahrtsverbände, die gleiche Arbeit zu günstigeren Konditionen machen, übernehmen nun die Arbeit. Das spart Geld. Bei aller Marktorientierung im Sozial- und Gesundheitswesen darf es allerdings nicht zum brutalen Kampf kommen Billigpflege zu Dumpinglöhnen ist unmenschlich. Entsprechende Vorwürfe gegen Pflege- und Krankenkassen sind im Bereich der Altenheime jedoch unfair: Das Lohnniveau ist bei allen Heimträgern der Region ähnlich hoch, versichern die Kostenträger. Die Kassen zahlen für die Heimpflege bundesweit einheitliche Sätze. Die Unterschiede der tatsächlichen Heimkosten je Tag und Bewohner liegen vor allem in den Hotelkosten sowie dem Verwaltungsaufwand. Je höher diese Kosten sind, desto mehr müssen die Bewohner (oder bei Geringverdienern das Sozialamt) aus eigener Tasche zuzahlen. Wer gute Pflege zum günstigen Preis bietet, entlastet die Budgets und wird auch ohne Billiglöhne zukunftsfähig. HAZ 09.10.2004
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