26. Februar 2006Ärzte planen Protesttag Die großen Ärzteverbände planen für den 24. März einen weiteren nationalen Protesttag. Dies teilte der NAV-Virchowbund in Berlin mit. An dem Tag soll es unter anderem eine weitere Großdemonstration in Berlin geben. Ärzte wollten gemeinsam mit Bürgern für freie Arztwahl, Therapiefreiheit und gegen Wartelistenmedizin demonstrieren, erklärte der Ärzteverband weiter. Eine Studie der Osnabrücker Sozialpsychologin Karin Rausch über Kliniken ergründet, warum Pfleger und Ärzte wirklich überfordert und unzufrieden sind. Dann war ich allein, mit 18 Patienten
Eine Studie über Kliniken ergründet, warum Pfleger und Ärzte überfordert und unzufrieden sind Einst waren sie Götter in Weiß, heute sind sie nach eigenen Angaben unterbezahlt, überlastet und frustriert: Immer mehr Klinikärzte gehen ins benachbarte Ausland oder gehen auf die Straße, um zu demonstrieren.
Was läuft falsch im Klinikalltag?
Fehlt es tatsächlich nur an Personal und Geld?
Karin Rausch, Sozialpsychologin und Autorin mehrerer Studien über Krankenhäuser, hat bei Ärzten und Pflegerinnen nachgefragt, und ihre Diagnose provoziert:
In vielen Krankenhäusern herrsche ein Chaos-Management, das die Beschäftigten permanent überfordere, meint die Osnabrücker Professorin.
Gut 50 Interviews hat Karin Rausch geführt; in drei Krankenhäusern hat sie über Monate geforscht. Am Ende stand für sie fest, dass die Arbeitsstrukturen das verhindern, was für alle Kliniken im verschärften Wettbewerb ums Geld zur Überlebensfrage geworden ist:
Eine gute Kooperation aller Beschäftigten. Das Hauptübel sei die abgeschottete Organisation in Berufsgruppen mit unterschiedlichen Hierarchien, Kulturen und jeweils eigenem Selbstverständnis.
Pfleger und Ärzte sind sich fremd und arbeiten distanziert nebeneinander her.
Dies koste Kraft und Zeit. Zumeist würden die Konflikte auf der persönlichen Ebene ausgetragen als Beziehungskonflikt. Die gegenseitige Wahrnehmung sei gestört, der Alltag geprägt von pauschalen Vorwürfen. Die Ärzte vermissen häufig die fachliche Kompetenz der Pflege. Das Pflegepersonal wünscht sich wiederum von Ärzten mehr Verlässlichkeit, mehr Einfühlung in die Nöte ihrer Patienten und mehr Anerkennung. Die nehmen uns nicht für voll, beklagt sich eine Schwester im Interview. Sie behandeln uns nur wie Hiwis, meint eine andere.
Karin Rausch ist überzeugt, dass sich das Nebeneinander von Arzt und Krankenschwester in den vergangenen Jahren verschärft hat nicht zuletzt auch auf Grund einer stärkeren wissenschaftlichen Profilierung der Pflege. Die Pflegepraxis wurde professionalisiert, und ärztliche Aufgaben, die Schwestern zuvor noch übernommen hatten, wurden abgegeben. Herausgekommen sei eine Kultur des Dummseins. Während die Arbeitsabläufe des Pflegepersonals auf der Station über eigene Dienstpläne und eine klare Verteilung der Verantwortung überschaubar und berechenbar sind, halten Krankenhausärzte nach Rauschs Erfahrungen Planung und Organisation noch heute vielerorts für unvereinbar mit der ärztlichen Kunst. Die bedauernswertesten Opfer dieser alten archaischen Sozialorganisation seien die jungen Stationsärzte, sagt Karin Rausch. Ihre Situation ist unerträglich. Sie kommen ohne Klinikerfahrung frisch von der Universität, um weitgehend unvorbereitet als Lernender eine Station zu leiten ohne Dienstanweisungsrecht für die Pflege und stark auf das Wohlwollen ihrer Vorgesetzten angewiesen. Die mehrjährige Arbeit als Assistenzarzt und eine abschließende Facharztprüfung sind Voraussetzung, um eine eigene Praxis zu eröffnen. Sie verhalten sich entsprechend angepasst, resümiert Karin Rausch. Im Interview äußerten viele junge Ärzte scharfe Kritik an mangelnder Planung und Koordination ihrer Arbeit. Die meisten fühlen sich allein gelassen, ohne Anleitung oder Einarbeitung durch die leitenden Ärzte mit einer erheblichen Verantwortung für das Wohlergehen der Patienten. Ich habe hier angefangen um halb neun, der Kollege begrüßt mich und sagt: Herzlichen Glückwunsch, ich geh in den Urlaub, erzählt ein Assistenzarzt. Dann haben wir eine Visite gemacht, und dann hatte ich 18 Patienten dann saß ich hier. Jene, die noch eingearbeitet wurden, sprechen von einem Glücksfall. Heute geht es nach dem Prinzip learning by doing, weil die Personaldecke so dünn ist. Und die ärztliche Leitung? Viele der Befragten wünschen sich Chefärzte, die sich Zeit nehmen und ein Interesse haben, ihre Fähigkeiten und ihr Wissen weiterzugeben. Man hofft auf ein Feedback, was man besser machen könnte. Doch dies sei selten der Fall. Personalführung sei für Ärzte vielerorts noch ein Fremdwort, meint Karin Rausch. Anleitung auf gepflegte Art wünscht sich ein junger Mediziner. Und nicht hierarchisch Prügel von oben. Chefärzte, so stellte Karin Rausch fest, haben wiederum wenig Verständnis für den Frust des Nachwuchses. Auch sie seien früher nicht groß eingearbeitet worden, heiße es häufig. Dass junge Ärzte gegen chaotische Zeitverschwendung, Marathonschichten und Gehälter von 2000 Euro netto aufbegehren, wundert sie. Ein Krankenhaus bestehe nun mal aus Notfällen und sei nicht planbar, heißt es in der Chefetage. Auch die Jungen müssten akzeptieren, dass man faktisch immer verfügbar sein müsse und nicht auf Überstunden achten könne. Die Bilanz der Osnabrücker Professorin fällt bitter aus: Ärzte scheren sich nicht um den eigenen Nachwuchs. Dass der nun auswandere, sei kein Wunder, seien die jungen Ärzte doch extrem überlastet und unterbezahlt. Aber Geld allein sei keine Lösung. In den Köpfen müsse sich etwas ändern und dann in der Zusammenarbeit. Denn eigentlich gehe es um eine gemeinsame Dienstleistung: um die Gesundheit der Patienten. 
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