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29. Juli 2006

Die Kaufkraft der Arbeitnehmer sinkt

 

Die Reallöhne in Deutschland sinken 2006 das zweite Jahr in Folge. Nach Angaben der Hans-Böckler-Stiftung übersteigt die erwartete Inflation von mehr als zwei Prozent den Zuwachs der Tariflöhne von durchschnittlich 1,5 Prozent. Das Statistische Bundesamt verzeichnete in diesem Frühjahr den geringsten Tarifanstieg seit 1995. Oskar Lafontaine, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, sprach von „grober sozialer Ungerechtigkeit“ und „himmelschreiender ökonomischer Dummheit“.  

 

Die Reallöhne der Arbeitnehmer schrumpfen weiter – im Gegensatz zu denen in anderen europäischen Staaten

 

Das erscheint widersprüchlich: In Deutschlands größter Industriebranche erstritt die IG Metall im April Gehaltserhöhungen um drei Prozent, mehrere andere Branchen orientierten sich danach an dieser Marke – doch das Statistische Bundesamt und die Hans-Böckler-Stiftung diagnostizieren für dieses Jahr wieder einmal Reallohnverluste der Arbeitnehmer.

 

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung kennt des Rätsels Lösung:

Die tatsächlich feststellbare Trendwende zu höheren Tarifabschlüssen wird sich in den Portemonnaies der Beschäftigten erst nach und nach bemerkbar machen. Für viele Wirtschaftsbereiche haben die Tarifpartner bereits im vergangenen Jahr langfristige Lohnvereinbarungen geschlossen, die für 2006 ziemlich bescheidene Lohnschritte vorsahen. Besonders ins Gewicht fällt dabei der große öffentliche Dienst, in dem bis einschließlich 2007 lediglich recht geringe Einmalzahlungen gewährt werden. Die Drei-Prozent-Erhöhung der Metaller wurde erst zum 1. Juni wirksam, andere Branchen erhöhen noch später: am 1. September die Banken (drei Prozent), am 1. November Post und Telekom um drei Prozent sowie die Textilindustrie um 2,5 Prozent.

Im Durchschnitt ergibt all dies für 2006 laut WSI, dass der Durchschnittsarbeitnehmer ein um 1,5 Prozent höheres Tarifgehalt hat als 2005. Die Verbraucherpreise allerdings steigen noch schneller – so um die zwei Prozent. Real also haben die Bürger weniger Geld in der Tasche, und zwar nach WSI-Schätzung 0,7 Prozent. Hinzu kommt: Tariflohn ist nicht gleich Effektivlohn. Viele Beschäftigte erhalten die ausgehandelten Tariferhöhungen gar nicht, weil ihre Arbeitgeber betriebliche Sonderregelungen nutzen und Urlaubs- oder Weihnachtsgeld kürzen oder aber die Tariferhöhungen mit übertariflichen Leistungen verrechnen.

Und wenn die jüngsten, bis zu drei Prozent reichenden Lohnerhöhungen spürbar werden, steht der nächste Preisschub schon vor der Tür: Zum 1. Januar 2007 steigt die Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent, Kranken- und Rentenversicherung werden teurer, Pendlerpauschale und Sparerfreibetrag werden gekürzt.

Die Reallöhne sind in Deutschland seit 1995 – mit wenigen Unterbrechungen – im Sinkflug. In dieser Hinsicht ist die traditionell als Hochlohnland bekannte Bundesrepublik seit zehn Jahren europäisches Schlusslicht. Einzig Portugal und Spanien verzeichnen 2006 auch Reallohnverluste, im EU-Durchschnitt steigen die Einkommen nach Zahlen der Europäischen Kommission aber um 0,7 Prozent. Spitzenreiter unter den „alten“ EU-Staaten ist Irland mit 2,6 Prozent Zuwachs vor Großbritannien und den skandinavischen Ländern mit Werten zwischen 1,9 und 2,4 Prozent.

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