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07. Dezember 2006

 

Neuer Armutsbericht

Erstmals EU-weit vergleichbare Daten zu Armut

 /Aktuell/Bilder/Statis

Am Dienstag veranstaltete das Statistische Bundesamt in Berlin, im Tagungszentrum der Bundespressekonferenz, ein Pressegespräch unter dem Titel "Neue Daten zu Armut und Lebensbedingungen - Ergebnisse aus LEBEN IN EUROPA 2005".

Armutsstatistik unterstreicht Notwendigkeit eines Mindestlohns

Als Konsequenz aus der Armutsstatistik des Statistischen Bundesamts (siehe unten) hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns gefordert.

"Die Untersuchung zeigt, dass selbst Menschen mit einem Vollzeitjob immer häufiger von Armut bedroht sind", sagte der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske. Er wies darauf hin, dass Stundenlöhne von drei oder vier Euro, wie sie etwa im Friseurhandwerk oder im privaten Bewachungsgewerbe gezahlt würden, für ein menschenwürdiges Leben nicht ausreichten. "Das ist arbeitende Armut", unterstrich Bsirske.

Besonders hart treffe es Alleinerziehende und Teilzeitkräfte. "Es gibt Branchen und Regionen, wo wir eine anständige Bezahlung nicht tarifvertraglich geregelt kriegen", erklärte Bsirske. "Hier hilft nur ein gesetzlicher Mindestlohn, um die Spirale nach unten zu stoppen."

Er bezeichnete einen solchen Mindestlohn in Höhe von 7,50 Euro als dringend erforderlich. "In nahezu allen unseren westlichen Nachbarländern gibt es das, warum soll das bei uns nicht funktionieren?

 

Das Statistische Bundesamt hat Ergebnisse aus der 2005 erstmals durchgeführten Statistik LEBEN IN EUROPA zu Armut und sozialer Ausgrenzung für Deutschland vorgestellt. Danach waren in Deutschland im Jahr 2004 13% der Bevölkerung armutsgefährdet; das sind etwa 10,6 Millionen Menschen, darunter 1,7 Millionen Kinder unter 16 Jahren. Die Armutsgefährdungsquote – das ist nach EU-Definition der Anteil der Personen, der mit weniger als 60% des mittleren Einkommens auskommen muss – liegt in den neuen Ländern (einschließlich Berlin) bei 17%, im früheren Bundesgebiet bei 12%.

„Armutsrisiken sind vor allem Arbeitslosigkeit und fehlende Bildungsabschlüsse“, so der Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes, Walter Radermacher, bei einem Pressegespräch in Berlin. Über 40% der Arbeitslosen und jeweils ein Viertel der Personen ohne abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung sind armutsgefährdet, aber nur 5% der Erwerbstätigen. Die neue Statistik wird seit dem Jahr 2005 in allen Ländern der Europäischen Union sowie in Norwegen und Island erhoben. Sie bietet erstmals vergleichbare Daten zu Armut und Lebensbedingungen in den EU-Mitglied­staaten. Derzeit sind allerdings noch keine Daten anderer Länder für das Erhebungsjahr 2005 verfügbar.

Zur Berechnung der Armutsgefährdungsquote wird nach dem europäischen Standard zunächst das von allen Haushalts­mitgliedern tatsächlich erzielte Haushaltseinkommen herangezogen. Dieses wird auf die Personen des Haushalts nach einem Gewichtungs­schlüssel verteilt („bedarfs­gewichtetes Äquivalenzeinkommen“), der berücksichtigt, dass Personen in einem Haushalt durch das Zusammenleben Einspareffekte bei den laufenden Kosten erzielen. Um das mittlere Einkommen zu ermitteln, wird der Median (Zentralwert) des Äquivalenzeinkommens verwendet (ausführliche Erläuterung im Methodenanhang).

Menschen mit Armutsgefährdung müssen im Alltag auf viele grundlegende Dinge verzichten: Mehr als die Hälfte der Armutsgefährdeten in Deutschland können es sich nach eigenen Angaben nicht leisten, eine Woche Urlaub woanders als zu Hause zu verbringen oder unerwartete Ausgaben zu bewältigen (zum Beispiel eine defekte Waschmaschine zu ersetzen). Und 14% der armutsgefährdeten Menschen leben in Haushalten, in denen aus Kosten­gründen im Winter an der Heizung gespart werden muss.

Armutsgefährdung behindert auch den Zugang zur Gesundheitsversorgung: Zuzah­lungen und Selbstbeteiligungen halten nach Selbsteinschätzung mehr als ein Fünftel der Armutsgefährdeten (und immerhin 7% der nicht Armutsgefährdeten) davon ab, einen Arzt oder Zahnarzt aufzusuchen, wenn sie krank sind. Zugleich schätzen Armutsge­fährdete ihren eigenen Gesundheitszustand wesentlich schlechter ein: 63% der nicht Armutsgefährdeten, aber nur 48% der Armuts­gefährdeten geben an, eine gute oder sehr gute Gesundheit zu haben.

Ohne soziale Transferleistungen wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Wohngeld oder Kindergeld wäre fast ein Viertel (24%) der Bevölkerung armutsgefährdet. Dabei profitieren verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlich von sozialen Transferleistungen: Bei Alleinerziehenden und Familien mit Kindern wird durch Sozialtransfers die Armutsgefährdungsquote jeweils fast halbiert. So sind Alleinerziehende vor Sozialtransfers zu 56% armutsgefährdet, nach Sozialtransfers „nur“ noch zu 30%.

Detaillierte Ergebnisse zu LEBEN IN EUROPA enthält die Pressebroschüre „Armut und Lebensbedingungen – Ergebnisse aus LEBEN IN EUROPA für Deutschland 2005“, die zusammen mit umfangreichen Tabellen im Internetangebot des Statistischen Bundes­amtes (http://www.destatis.de) unter dem Pfad „Presse – Presseveranstaltungen“ kostenlos abgerufen werden kann.

 

Armutsgefährdungsquoten für ausgewählte Bevölkerungsgruppen 2004

 

Armutsgefährdungsquote

Insgesamt

Früheres Bundesgebiet 

Neue Länder (einschl. Berlin) 

 

Personen in Haushalten mit….

einem Erwachsenen ohne Kinder

einem Erwachsenen mit Kindern

(Alleinerziehende/r) 

zwei Erwachsenen ohne Kinder

zwei Erwachsenen mit einem Kind

zwei Erwachsenen mit zwei Kindern

zwei Erwachsenen mit drei

oder mehr Kindern

 

Nach sozialer Stellung

Erwerbstätig

Arbeitslos 

Ruhestand

Sonstige Nichterwerbstätige

 

in %

13

12

17

 

 

27

 

30

11

10

7

 

12

 

 

5

43

14

18

 

 

 

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