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23. Januar 2007

Die Realität - Dumpinglöhne

Immer mehr Fälle werden bekannt - Politiker und Gewerkschafter schlagen Alarm

In vielen Branchen gilt: Wer klagt, der fliegt

Nicht nur Zimmermädchen, auch Friseure, Wachleute und Altenpfleger haben kaum Rechte. In der Diskussion um Dumpinglöhne werden neue Vorwürfe laut. So prangern die Gebäudereinigungsfirmen jetzt die Hotels an: "Die Betreiber wissen genau, dass die Arbeit zu Dumpinglöhnen geleistet wird", sagt Marc Peters (Name geändert), Objektleiter einer Hamburger Hoteldienstleistungsfirma.

 

Zustände wie im Frühkapitalismus: 2,46 Euro pro Stunde nur Spitze des Eisbergs

 

-- 5 Euro, 4 Euro 3 Euro - Wer bietet weniger? Einen Stundenlohn von 2,46 brutto, gleich 1,92 Euro netto zahlte die Reinigungsfirma Lieblang einem Zimmermädchen in einem Hamburger Luxushotel. Der Fall der Antonia H. hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht: Im Dorint Sofitel am Alten Wall, wo eine Nacht in der Präsidentensuite 1.275 Euro kostet, erhielt die 23-jährige Frau nach 21 Arbeitstagen ganze 413,18 Euro brutto. Als sie den vereinbarten Tariflohn von 7,87 Euro pro Stunde forderte, bekam sie die fristlose Kündigung. Inzwischen ist klar: Antonia H. ist kein Einzelfall. Auch aus anderen Branchen melden sich immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die mit skandalösen Hungerlöhnen abgespeist werden. Der ver.di Landesbezirk Hamburg hat eine Telefonhotline eingerichtet, bei der sich von Lohndumping betroffene Kolleginnen und Kollegen melden können (040/ 2858 18 18). „Der Gipfel der Zumutung war ein Stundenlohn von 1,75 Euro. Die Anrufe kamen vor allem aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe, aus der Sicherheitsbranche, der Zeitarbeit, aus Friseurgeschäften und der ambulanten Pflege“, fasst der Hamburger ver.di-Landesleiter Wolfgang Rose die Erfahrungen des ersten Tages zusammen.

Ein Schlaglicht auf die Zustände im Friseurhandwerk wirft ein Bericht im Hamburger Abendblatt. Der Zeitung liegt nach eigenen Angaben ein Arbeitsvertrag der Friseurkette C & M Company vor, die in ganz Deutschland 70 Filialen betreibt. In dem Vertrag heißt es unter Paragraf 2: „Der Arbeitnehmer ist verpflichtet, einen täglichen Umsatz von 200 Euro als Mindestarbeitsleistung zu erbringen (Arbeitspflicht). Wird an einzelnen Arbeitstagen dieser Umsatz von 200 Euro nicht erbracht, so ist der Arbeitnehmer seiner Arbeitspflicht an diesem Tag nicht nachgekommen.“ Weiter heißt es in dem Vertrag: „Die Unterschreitung der Umsatzgrenze von 200 Euro an einem Arbeitstag ist ein verhaltensbedingter Kündigungsgrund.“

Rose ruft alle Betroffenen auf, Skandalpraktiken bekannt zu machen. „Arbeit darf nicht arm machen. Nur gemeinsam und notfalls auch mit Hilfe der Justiz lassen sich Ausbeuterlöhne bekämpfen“, so der Gewerkschafter. Rose erneuerte die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn von 7,50 Euro. „Die Arbeitgeber in Niedriglohnbranchen müssen endlich bereit sein, Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären.“

Der Fall der Antonia H., die in einem Hamburger Nobelhotel für 2,46 Euro in der Stunde Zimmer gereinigt hat (siehe oben), zieht immer weitere Kreise. Erneut in die Kritik geraten ist auch das wegen seiner miserablen Arbeitsbedingungen berüchtigte Sicherheitsgewerbe.

 

Sicherheitsgewerbe: Als Azubi 300 Stunden im Monat für 375 Euro

 

Bekanntlich tobt in der Branche ein gnadenloser Wettbewerb. Die Schwelle für den Einstieg ist niedrig. Im Prinzip reicht ein Gewerbeschein. 350 Firmen tummeln sich laut Handelskammer denn auch auf dem heiß umkämpften Hamburger Markt. So ist das Gerangel groß, wenn die Stadt einen Auftrag aus ihrem 12,5 Millionen Euro großen Topf an private Sicherheitsfirmen vergibt. „Immer bekommt der Billigste den Zuschlag“, beklagt der Landesvorsitzende des Branchenverbandes BDWS, Peter Schmidt. Gleichzeitig wird der Preisdruck voll auf die Arbeitnehmer abgewälzt. Dass Qualität keine Rolle spielt, hat auch Peter Bremme, ver.di-Fachbereichsleiter für besondere Dienstleistungen in Hamburg, festgestellt: „Ein großer Teil der Auftraggeber stellt nur deshalb einen Sicherheitsdienst ein, um die Versicherungsprämie zu drücken.“ Mit dramatischen Folgen. Da die Auftraggeber in der Regel keine Ahnung hätten, wen sie vor sich haben, würden für normale Jobs auch mal unschlagbar günstige Azubis geschickt. „In einem Fall wurde ein Auszubildender 300 Stunden im Monat eingesetzt und bekam dafür 375 Euro“, so der Gewerkschafter.

Wolfgang Rose, Landesbezirksleiter von Ver.di Hamburg, fordert Politiker und Unternehmen auf, den Lohnverfall so schnell wie möglich zu stoppen: "Wir werden uns um die Leute kümmern - tun Sie es auch." Denn nicht nur im Hotelgewerbe, auch in anderen Dienstleistungsbereichen ist Lohn-Dumping üblich.

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