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28. Februar 2008

 

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Arbeitskrach unterm Kirchendach

Bayrischer Rundfunk berichtet über zunehmende Konflikte in der Diakonie Bayerns

 

Billiglöhne, Verhinderung von Betriebsräten, knallharte Konflikte: Solche Negativ-Schlagzeilen hatten bisher Discounter wie Aldi, Lidl und Co. im Angebot. Jetzt kommen Arbeitgeber ins Gerede, die sonst für christliche Nächstenliebe werben: Die großen Kirchen mit ihren Sozialeinrichtungen Diakonie und Caritas. Das Grundgesetz billigt ihnen ein eigenes Arbeitsrecht zu - aber nicht um jeden Preis.

60.000 Mitarbeiter hat die Diakonie der evangelischen Kirche in Bayern - Kranken- und Altenpfleger, Kindergärtnerinnen, Reinigungskräfte und Verwaltungspersonal. Zusammen mit der katholischen Caritas, bei der rund 85.000 Mitarbeiter in Lohn und Brot stehen, ist sie gleich nach dem Staat der größte Arbeitgeber Bayerns - noch weit vor Siemens oder BMW.

Kein Konzern wie jeder andere

Was die "Kirchenarbeit" von anderen Jobs bislang unterschied, war die Philosophie der wechselseitigen "Dienstgemeinschaft". Artikel 140 des Grundgesetzes legt fest, dass Religionsgemeinschaften ihre Belange selbst regeln - auch das Arbeitsrecht. Wer bei einer kirchlichen Organisation arbeitet, muss in der Regel Kirchenmitglied sein, darf nicht streiken und keinen Betriebsrat gründen. Auch im Privatleben ihrer Angestellten redet die Kirche gern ein Wörtchen mit: Ein katholischer Religionslehrer, der sich scheiden lässt und wieder heiratet, riskiert eine Kündigung.

Weiche Regeln in harten Zeiten

Dafür genießen die "Dienstnehmer" zumindest in der Theorie eine christlich geprägte Arbeitsatmosphäre. Überdies orientierten sich die kirchlichen Arbeitgeber jahrzehntelang an den Tarifabschlüssen im Öffentlichen Dienst. Das hat sich geändert: 90 Prozent ihrer Einnahmen erhalten die kirchlichen Wohlfahrtsträger von Bund und Ländern, Kommunen und Sozialversicherungen - und denen ging es zuletzt nicht gut. Der Wettbewerb aber ist auch unter Sozialdienstleistern hart.

Viele Beschäftigten fürchten nun, die Dienstgemeinschaft könnte sich als "Schönwettermodell" entpuppen. Bärbel Kalb, Sprecherin der Mitarbeitervertretung bei der Diakonie, konstatiert eine permanente Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Seit dem letzten Tarifabschluss vom Juli 2007, so Kalb, werden die untersten Lohngruppen "miserabel" bezahlt. Wer sich wehrt, muss bisweilen um seinen Job bangen.

"Keine Konflikte bitte - wir sind Kirche!"

Das hat Thomas Müller erfahren. Seinen Eindruck vom Betriebsklima schildert der Erzieher in einem bayerischen Caritas-Kinderhort so: "Die Distanz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hat gefehlt - so quasi: 'Wir sind alle eine Familie, und da darf es keine Auseinandersetzung geben, speziell in arbeitsrechtlichen Dingen'". Als Müller das Undenkbare unternahm und eine Arbeitnehmervertretung gründen wollte, war es mit dem Familienfrieden vorbei: Er berichtet von monatelangen Schikanen, an deren Ende die fristlose Kündigung stand. Auch der Besuch einer kirchlichen Schlichtungsstelle blieb fruchtlos: "Mein Anwalt hat mir das so beschrieben, dass es ähnlich rabiat und rücksichtslos in der freien Wirtschaft selten zugeht."

Artikel 140 im Prüfstand

Ob sich das für die Kirchen am Ende auszahlt, ist zweifelhaft. Der ehemalige Verfassungsrichter Jürgen Kühling hat in einem Gutachten den Artikel 140 GG und die "Koalitionsfreiheit" nach Artikel 9 Absatz 3 GG verglichen und resümiert: "Wägt man beide Positionen gegeneinander ab, so drängt sich auf: Auch im kirchlichen Bereich sind Arbeitskämpfe grundsätzlich zulässig." Im letzten März kam es in einem Stuttgarter Diakonie-Krankenhaus zum Streik - erstmals seit 1919.

Der "Kirchenzwang" für Mitarbeiter wiederum verstößt nach aktueller Auffassung des Arbeitsgerichts Hamburg gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) - zumindest bei "verkündungsfernen" Tätigkeiten. Jetzt muss die Diakonie einer religionslosen Sozialpädagogin, deren Bewerbung sie abgelehnt hatte, drei Monatsgehälter Entschädigung zahlen.

"... dann trete ich aus!"

Für die Kirchen aber steht mehr auf dem Spiel. Noch bringen laut einer Studie 22 Prozent der Bevölkerung der evangelischen Kirche "hohes Vertrauen" entgegen - immerhin doppelt soviel wie der katholischen Kirche. Urheber der Studie: die Unternehmensberatung McKinsey, die, wie für die meisten deutschen DAX-Konzerne, auch für die beiden Kirchen tätig ist und den Protestanten zuletzt eine Imagekampagne entwarf.

Erst vor zwei Monaten formulierte die Hannoversche Landesbischöfin Margot Käsmann in der "Berliner Zeitung" ihre "Ethik des Genug", in der "Kirche für Kultur, Tradition und Werte" steht. Demgegenüber nennt der Spiegel-Journalist und McKinsey-Kenner Dirk Kurbjuweit als Hauptprinzip der Berater den "Gedanken des Nicht-Genügens" - ein "sich und andere unter Stress halten" und "niemals Zufriedenheit zulassen". Die Zufriedenheit vieler Diakonie-Beschäftigten jedenfalls ist fühlbar angekratzt. Bärbel Kalb: "Ich habe von einigen Mitarbeitern gehört: Wenn ich mal nicht mehr berufstätig bin und der Kirche angehören muss, weil ich sonst meinen Arbeitsplatz verlieren würde, werde ich austreten, weil ich inzwischen die Nase voll habe."

 radioWelt auf Bayern2Radio: Ein Beitrag von Annette Klinkhardt


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